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P wie Paraguay - Reiseblog No 9


Liebe Rohkostfreunde,

einen herzlichen Gruß aus Paraguay! Dieses kleine Land, mit nur etwa 6.8 Millionen Einwohnern, wird von den meisten Südamerika-Reisenden links liegen gelassen, denn seine Nachbarländer Bolivien, Brasilien und Argentinien können mit größeren touristischen Zielen aufwarten. Dies ist aber völlig zu Unrecht, denn in Paraguay kann man noch das ursprüngliche, authentische, charmante Südamerika erleben.

Anfang Mai bin ich über Córdoba und Resistencia in Argentinien hier eingereist und habe mir zu Beginn die quirlige Hauptstadt Asunción angeschaut.

Der Regierungspalast hatte sich für die Feierlichkeiten zum 1. Mai (dem Tag der “Arbeiter”, nicht der “Arbeit” wie bei uns) extra fein herausgeputzt.

Insgesamt ist Asunción eine recht schöne, saubere und sympathische Stadt, wenngleich auch der Verkehr extrem ist!! Auf meiner obligatorischen Jagd nach rohkost-tauglichen Geschäften und Restaurants bin ich leider trotz 3-tägiger intensiver Suche nicht fündig geworden. Es gab absolut nichts! Na, hier könnte sich doch etwas Brauchbares finden:

Leider entpuppten sich diese “Esmudis” bei genauerem Nachfragen als Mixtur von H-Milch und bunt-gefärbten, künstlich-aromatisierten Sirupen. ¡Muchas gracias!


Zu guter Letzt fand ich dann doch ein veganes Restaurant, das “Alma Zen”, wo ich einen leckeren Salat bekam. Sie hatten sogar Sauerkraut im Kühlschrank! Außerdem findet man natürlich auch immer viele Früchte und Gemüsesorten auf den Märkten.


Meinen nächsten Arbeitseinsatz hatte ich bei den Mennoniten, ganz im Norden des Landes, in dem wilden Chaco, arrangiert. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich hatte beim Wort “Mennoniten” immer Bilder von Männern in Latzhosen mit Cowboyhüten, Frauen mit Häubchen und züchtigen Kleidern, sowie Pferdekutschen als Transportmittel vor mir!

Nun, solche Mennoniten-Kolonien, die sich noch ganz an die alten Regeln halten, gibt es in vielen Ländern, auch hier im Osten von Paraguay. Sie werden die “Altkolonier” genannt. Ich war hier aber in einer ganz super-modernen Kolonie gelandet. Die Tatsache, dass meine Gastgeberin mir immer ganz schnell auf meine E-Mails antwortete und drunter stets “Diese Nachricht wurde von meinem Android Mobiltelefon gesendet” stand, hätte mir doch zu denken geben müssen☺.


Von Asunción fährt man auf einer schnurgeraden, geteerten Straße (die Ruta Trans-Chaco) in 7-8 Stunden bis hoch zu den Mennoniten-Kolonien “Menno”,“Fernheim” (die Heimat in der Ferne) mit dem Zentrum Filadelfia, was “Bruderliebe” bedeutet und “Neuland”. Hierher flohen deutschstämmige Mennoniten aus Russland (Fernheim, Neuland) vor der Schreckensherrschaft Stalins im Jahre 1930, sowie aus Kanada (Menno) . Paraguay sicherte den Siedlern Befreiung vom Militärdienst, die freie Ausübung des Glaubens und der kulturellen Eigenart, sowie die Möglichkeit, in geschlossenen Dörfern und Kolonien zu siedeln zu. Im Gegenzug erwartete die Regierung die wirtschaftliche Erschließung des unwirtlichen Chacos, der den nicht besonders charmanten Beinamen “Grüne Hölle” trägt. Im Sommer kann es hier bis zu 48°C heiß werden.

Hart und entbehrungsreich war der Anfang der neuen Siedler im Chaco, fanden sie doch pure Wildnis ohne jegliche Infrastruktur, extreme Witterungsbedingungen und eine wilde Natur vor. Viele haben die Anfangsjahre nicht überlebt. Davon zeugt der Friedhof in Filadelfia. Auffallend sind auch die vielen, langen Reihen mit Kindergräbern.



Geholfen hat ihnen niemand, außer Gott, so erzählte man mir. Ohne lange auf Unterstützung vom Staat zu warten, haben die Mennoniten in Eigenregie und -finanzierung die gesamte Infrastruktur des Chacos geschaffen, Brunnen gegraben, Strom- und Telefonleitungen verlegt, Straßen gebaut, Krankenhäuser, Altenheime, Schulen und Gemeindezentren errichtet. Zwei Generationen haben nur geschufftet und mit extremer Zähigkeit und viel Fleiß ihre neue Heimat in der Ferne geschaffen.

Ursprünglich kamen die Mennoniten aus Friesland. Sie haben selbst über die Jahrhunderte und die vielen Wanderungen durch drei Kontinente hindurch ihre Sprache, das “Plautdietsch” bewahrt. Wer Plattdeutsch spricht oder versteht, kann sich schnell in den Dialekt hineinhören. Alle sprechen jedoch auch Hochdeutsch und die mittlere und junge Generation fließend Spanisch. Manche haben sogar auch Guaraní, eine Sprache der ursprünglichen Indianer hier, gelernt.


Insgesamt leben etwa 15.000 Mennoniten im zentralen Chaco.


Ich war in der Kolonie Fernheim, mit dem Zentrum Filadelfia.


Wenn man heute Filadelfia besucht, staunt man nur, welch eine super-moderne und effiziente Stadt die Mennoniten hier inmitten vom Nichts geschaffen haben. Die Wohnhäuser sind großzügig angelegt, mit blühenden Gärten und viel Platz zwischen den einzelnen Grundstücken. Man findet einen ultra-modernen Supermarkt, der wirklich alles hat, was man sich vorstellen kann, einschließlich vieler Import-Produkte aus Deutschland. Es gibt ein hervorragend ausgestattetes, modernes Krankenhaus, Zahnklinik, das freundliche Altersheim “Abendfrieden”, Schulen, Banken, großzügige Parkanlagen, Friseur, Bücherei, Apotheke, Kleidergeschäfte, Restaurants, eine Eisdiele, landwirtschaftliche Geschäfte.. . Man bekommt wirklich alles, was man zum täglichen Leben braucht und mehr! Dies ist auch wichtig, denn bis zur nächsten Stadt Asunción ist es weit. Sogar Glasfaserkabel sind verlegt und ein Handy hat hier auch jeder. Sie sind fortschrittlicher als ich ☺. Von dieser, für das ländliche Paraguay hervorragenden Infrastruktur, profitieren natürlich auch die vielen Menschen der verschiedenen Indianerstämme, die sich in den Kolonien niedergelassen haben.







Die Avenida Hindenburg ist die einzige Teerstraße in der Kolonie Fernheim. Alle anderen, etwa 3000 km Erdstraßen müssen regelmäßig unterhalten werden. Auch dies wird ausschließlich von den Kolonien selbst gestemmt. Alle (mennonitischen) Einwohner der Kolonien geben 10 % ihrer Einkünfte an die Kooperative ab, die im Gegenzug die gemeinsame Infrastruktur unterhält und weiter ausbaut. Es gibt ein kostenloses, für Paraguay ausgezeichnetes Gesundheits- und Schulsystem. Die Mitglieder profitieren also unmittelbar von ihren Beiträgen. Die 10 % Steuerabgaben, die die Mennoniten seit etwa 15 Jahren an die paraguayische Regierung zahlen, verschwinden jedoch im Nichts!

Das ist mein Ort!

4 Wochen habe ich an meinem neuen Einsatzort, dem perfekten Platz für eine vegane Rohköstlerin, nämlich einer Rinderfarm verbracht! Der Wohlstand der Mennoniten im Chaco basiert hauptsächlich auf der Fleisch- und Milchwirtschaft. Super-moderne Schlachthöfe und Milchverarbeitungsanlagen gibt es in Filadelfia und Loma Plata, die sowohl Produkte für den Innlandverkauf als auch für den Export herstellen. 75 % aller Molkereiprodukte von Paraguay kommen aus den mennonitischen Kolonien und ebenfalls ein sehr hoher Prozentsatz des Rindfleisches.


Auf der “Estancia Iparoma”, 18 km von Filadelfia entfernt, mitten im Busch, waren Gerhard und Marylin Wohlgemuth meine Gastgeber. Ihre Großeltern sind damals von Russland nach Paraguay ausgewandert und ihre gesamte Familie ist im Chaco geboren und aufgewachsen. Die Mennoniten-Gemeinde in Filadelfia ist sehr sehr freundlich, offen und herzlich. Man wird überall mit offenen Armen empfangen und eingeladen. Sie praktizieren die Nächstenliebe noch im täglichen Leben!

Auf der fast 1200 Hektar großen Estancia werden etwa 400 Rinder und 100 Schafe gezüchtet. In Paraguay wird “Essen”, wie in Argentinien, mit Fleisch gleichgesetzt. Die Köchin hier meinte einmal zu mir, sie kenne gar keine Rezepte ohne Fleisch! In Paraguay gehen die Fleisch-Orgien also munter weiter. Die Rinder sind das ganze Jahr über draußen und fressen ausschließlich Gras. Sie haben, im Gegensatz zu ihren Artgenossen in den riesigen Rinderfabriken, ein richtig gutes Leben. Dieses “grass-fed beef” wird als Delikatesse gehandelt und bis in die USA, Kanada und Europa exportiert.


Diesen Ausblick hatte ich anstatt des Anden-Panoramas 😊.

Auch Rinder werden geimpft und erhalten allerhand Mineralien und Vitamine per Nadel.


Gaucho Javelino am Werk:

Einige Herren hier hatten ab und zu kleine Meinungsverschiedenheiten. Na, aber bitte, es gibt doch genügend Damen für alle!

Die Estancia Iparoma hat das große Glück, mehrere Süßwasserbrunnen auf dem Gelände zu haben, was natürlich Gold wert ist im trockenen, heißen Chaco.

Das zweite Standbein der Estancia ist ein Tourismusbetrieb. Bis zu etwa 50 Gäste können hier in Zimmern und viele weitere auf dem großzügigen Campingplatz unterkommen. Es gibt einen Swimmingpool, zwei wunderschöne Badeseen, Boote, Grillplätze, Spielplätze, Wanderwege und viele friedliche Ecken zum Entspannen und zum Beobachten der vielfältigen Fauna.





Der Flaschenbaum - Palo Borratcho auf Spanisch (das betrunkene Holz) - ist ein typischer, einheimischer Baum des Chacos. Man sieht ihn dort überall.

Iparoma ist ein wunderschöner Ort mit sauberer Luft, sauberem Wasser, absoluter Ruhe und Frieden in der Nacht. Da es dort überhaupt keine Lichtquellen gibt, kann man abends den schönsten Sternenhimmel beobachten. Da fühlt man sich richtig klein auf unserer Erde!


Ich habe dort geholfen die Gäste zu betreuen, die Zimmer sauber zu machen, das Gelände instand zu halten, die viele Bettwäsche zu waschen, das Frühstück zubereitet und abends das Abendessen serviert. Am schönsten war es jedoch immer, wenn die Gäste Chaco-Touren mit Marylin buchten. Dann konnte ich immer mitfahren, bei der Gästebetreuung helfen und natürlich die wunderschöne und einzigartige Flora und Fauna dieses Ökosystems bewundern. Der größte Teil des Chacos ist noch gänzlich unberührt, so dass den Tieren dort ihr natürlicher Lebensraum erhalten blieb. Besonders an den Salzwasser-Lagunen kann man ein reges Treiben beobachten.


Hier sind einige Eindrücke von dem, was mir bei den verschiedenen Touren so vor die Kamera gekommen ist!




Chile-Flamingos


Rosalöffler


Ñandús


Kaiman


Koskorobaschwäne

Rabengeier





Silberreiher

Wildkatze


Tapir

Waldstörche


Kapybara, das größte Nagetier der Welt. Es sieht aus wie ein riesiges Meerschweinchen.


Besonders beeindruckend waren jeden Abend die Sonnenuntergänge!

Der trockene, heiße Chaco eignet sich sehr gut, um Sesam, Chia und Erdnüsse anzubauen.

Hier wurden Sesamhalme geschnitten und zum Trocknen aufgestellt.

In diesen kleinen Taschen sitzen die Sesamsamen.

Ist alles gut getrocknet, werden die Sesamsamen herausgeklopft.

So sieht die Sesamernte aus. Alles wird anschließend in eine Siebmaschine gegeben, die Verunreinigungen aussortiert, so dass pure Sesamsamen zurückbleiben.

Ich habe mich gut mit dem feinen Chaco-Sesam für meine Sesammilch eingedeckt!


So sieht ein Erdnussfeld aus.

Zieht man die krautige Pflanze aus der Erde, sieht man die Erdnüsse, die an den Rhizomen hängen. Sie ist botanisch gesehen eine Hülsenfrucht und mit Erbsen und Bohnen verwandt.

Im Chaco hat es mir wirklich sehr gut gefallen! Ich kann einen Besuch dieses einzigartigen Ortes nur empfehlen.


Vom hohen Norden ging es dann in den tiefen Süden nach Encarnación, der “Perle des Südens”, wie Paraguay´s zweifelsfrei schönste Stadt auch heißt. Encarnación liegt am breiten Fluß Paraná und hat mehrere Sandstrände, so dass man sich fast wie am Meer fühlt. Paraguay ist nämlich zusammen mit Bolivien das einzigste Binnenland Südamerikas und hat keinen Zugang zum Meer.

Mit einer Phase 1 Avocado-Schokomousse mit Stevia gesüßt, lässt es sich bestens am Strand aushalten.


Auf den ersten Blick sehen die freundlichen Paraguayer wie ganz normale Menschen aus. Bei genauerem Hinsehen weisen sie jedoch einige ganz prägnante, anatomische Eigenheiten auf. Folgt man nämlich ihrem rechten Arm nach unten, stellt man sogleich fest, dass dort an der Hand eine Thermosflasche angewachsen ist. In dieser befindet sich, je nach Außentemperatur, heißes bzw. eisiges Wasser. Schweift der Blick am gegenüberliegenden Arm nach unten, erkennt man ein Gefäß (Gourd) mit einem metallenen Rohr (Bombilla), das fest mit der linken Hand verwachsen ist. Diese praktische anatomische Besonderheit ermöglicht es den Paraguayern zu jeder Tages- und Nachtzeit, sowie zu allen vier Jahreszeiten ihren heiß-geliebten Mate-Tee zu trinken. An kalten Tagen werden die Mate-Blätter, die hier noch mit allerhand anderen Kräutern wie Stevia, Kamille, Moringa, Rosmarin, Minze, Anis, Zimt...vermischt werden, mit heißem Wasser aufgebrüht. An heißen Tagen werden die Kräuter mit dem Eiswasser aufgegossen. Dann nennt sich dieses Getränk “Tereré”. Mate- und Tereré-trinkende “Homo matensis” sind in ganz Paraguay allgegenwärtig. Dieses Nationalgetränk ist aber auch wirklich sehr sehr lecker! Na dann, “zum Wohl”!

Seit einer Woche bin ich nun in der Nähe von Caaguazú und helfe Elke und Michael auf ihrem Anwesen. Sie sind frisch vor 8 Monaten aus Deutschland hierher ausgewandert und verwirklichen sich gerade ihren Traum näher mit der Natur, in mehr Freiheit als Selbstversorger zu leben. Das Wohnhaus steht schon und sie haben jede Menge Obst- und Nussbäume gepflanzt. 34 verschiedene haben wir gezählt, unter anderem Mango, Jackfruit, Durian, Papaya, Macadamia, Walnuss, Guava, Avocado, Lychee, Ananas aber auch Feige, Pflaume, Kirsche, Apfel, Birne, Maulbeere, Aprikose, Orange, Mandarine, Limone, Kokosnuss..... In einigen Jahren wird dies hier ein kleines Paradies sein - nicht nur für Rohköstler! Auch einen großen Gemüsegarten hat Elke angelegt. Sie ist ausgebildete Gärtnerin und Landschaftsarchitektin mit jahrzehntelanger Erfahrung und weiß so, was sie macht! Von ihr kann ich viel lernen!

Ruhe und Frieden findet man auch hier, sowohl einen netten Kontakt zu den einheimischen Nachbarn.


Ihr Ausblick vom Haus aus.



Na, wie geht´s dann weiter??


Von hier aus werde ich mich Anfang Juli wieder auf den Weg nach Brasilien machen. Ich möchte die kommenden 3 Monate dort verbringen. Mein nächster Einsatzort wird eine biologisch-dynamische Farm sein, auf der hauptsächlich Shiitake-Pilze kultiviert werden. Ich liebe diese köstlichen und heilsamen Pilze und freue mich schon sehr darauf zu lernen, wie sie produziert werden und dann natürlich auch sie zu essen!

Von dort werde ich mich dann wieder bei Euch melden.


Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Sommer mit vielen leckeren Sommerfrüchten und viel Sonne!

Ganz herzliche Grüße aus dem sympathischen Paraguay!

Gisela 🌺








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